Seminar "Methodisches Handeln in der Kinder- und Jugendhilfe"
Lehrbeauftragter:
Christian Spatscheck
Sommersemester 2005, MI von 9:30-12:00, Raum 103
Studiengang Sozialarbeit/Sozialpädagogik, 7.Semester
an der Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik
Beispielfall
zur selbständigen Bearbeitung
-Quelle der Fallbeschreibung: Prüfungsklausur für das
Fach "Methoden Sozialer Arbeit", Alice Salomon Fachhochschule Berlin,
Sommersemester 2003. Fallstellung formuliert von Prof. Dr. Heiko Kleve/ Joachim
Blank.
-Die Geburtsjahre der beschriebenen Personen wurden auf Stand 2005 aktualisiert
-Die
Aufgabenstellung wurde abgeändert, sie orientiert sich an den Fragestellungen
unseres Seminars und an der voraussichtlichen Dauer der Klausur von 90 Minuten.
-Die Musterlösung ist hier abrufbar
9.45 Uhr
Sie erhielten einen Anruf der Sozialarbeiterin Frau Fuchs des nahegelegenen
Krankenhauses "Zum Waldfrieden". Frau Fuchs berichtete von einer Patientin,
die seit 10 Tagen stationär im dortigen Krankenhaus behandelt werde.
Hierbei handelt es sich um eine Frau Manuela Manthey. Laut Informationen der Sozialarbeiterin Frau Fuchs werden die relativ großen Kinder der Frau Manthey derzeit in der familiären Wohnung durch Nachbarn und Verwandte betreut und versorgt.
Frau Manthey sei mit dem Notarztwagen eingeliefert worden. Sie sei in ihrer Wohnung ohnmächtig geworden, hätte aber bereits mehrere Wochen vorher schon über Schwindel - und Kreislaufprobleme geklagt. Noch im Notarzt wagen sei sie wieder zu Bewusstsein gekommen, habe sich aber an nichts mehr erinnern können. Nach einer kreislaufstabilisierenden Erstversorgung sei Frau Manthey in den vergangenen Tagen "auf den Kopf gestellt worden". Aufgrund der Untersuchung werde mit einer hohen Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen, dass Frau Manthey einen Schlaganfall erlitten hat. Laut Frau Fuchs habe Frau Manthey "Glück im Unglück" gehabt, da sie kaum Folgebeinträchtigungen aufweise. es wurde lediglich eine leichte linksseitige, vorübergehende Lähmung festgestellt, die aber voraussichtlich durch eine ambulante Anschlussbehandlung weitgehend zurückgehen werde.
Frau Manthey werde am morgigen Tag aus dem Krankenhaus nach Hause entlassen. Eine wohnortnahe neurologische Praxis werde die Koordination für die medizinische Anschlussbehandlung übernehmen. Geplant sei außerdem, dass Frau Manthey für ca. 4 Wochen eine Ambulanz besuche, um dort physio- und psychotherapeutische Angebote wahrzunehmen.
Frau Fuchs erkundigte sich, ob Frau Manthey Ihnen bekannt sei. Dazu können Sie zunächst noch nichts sagen, wollen aber schauen, ob es bereits Akten gibt.
So berichtete Frau Fuchs weiter, dass bei dem Krankheitsbild von Frau Manthey psychosoziale Stressfaktoren als Ursache vermutet werden. Möglicherweise sei Frau Manthey deutlich mir ihrer Lebenssituation überfordert und benötige dringend Entlastung. Laut Frau Fuchs scheint Frau Manthey auch regelmäßig Alkohol zu trinken. Dies werde aufgrund verschiedener Blutwerte sowie einer vergrößerten Leber angenommen. Frau Fuchs hält den Einsatz ambulanter, familienunterstützender Maßnahmen für dringend nötig.
10.30 Uhr
Sie schauen in den Akten nach und finden auch entsprechende Unterlagen. Der
Akte ist zu entnehmen, dass Familie Manthey dem Jugendamt seit 17 Jahren bekannt
ist.
Frau Manthey ist alleinerziehende Mutter von 4 Kindern. Sie wurde am 09.04.1966 in Berlin geboren. Mit ihren Kindern bewohnt sie eine 2 ½-Zimmer-Neubauwohnung. Die Wohnung liegt in der 14. Etage. Die Wohnlage ist insgesamt problematisch. Die 4 Kinder von Frau Manthey haben jeweils unterschiedliche Väter, zu denen aber weder Frau Manthey noch die Kinder Kontakt haben.
11.40 Uhr
Am gleichen Tag ruft auch noch Frau Müller, Lehrerin von Rene, bei Ihnen
an. Frau Müller ist über die Entwicklung der familiären Situation
sehr besorgt. Frau Manthey habe sich schon seit Monaten nicht mehr persönlich
in der Schule zu Gesprächen eingefunden. Auch an Elternabenden habe Frau
Manthey nicht teilgenommen. Renes Entwicklung sei besorgniserregend, obgleich
er "im Herzen" ein netter und bedürftiger Junge sei. Frau Müller
berichtete, dass Rene aktuell einnässe. Sie habe schon vor 5 Wochen den
Schulpsychologischen Dienst zu Rate gezogen. Ergebnisse stünden noch aus.
Für Rene müsse jedoch unbedingt etwas getan werden. Nach Ansicht von
Frau Müller wäre es das Beste, wenn Rene stationär in einer Kinderpsychiatrie
diagnostiziert werde. Damit werde aber die Mutter nicht einverstanden sein.
Eine ambulante Hilfe oder Kindertherapie o.ä. sei mindestens notwendig.
Eindringlich werden Sie gebeten, schnell für Rene eine Hilfe einzuleiten.
13.25 Uhr
Sie rufen Frau Manthey auf der Station 12 des Krankenhauses "Zum Waldfrieden"
an. sie verabreden mit ihr kurzfristig einen Hausbesuch, bei dem auch ein Termin
für eine Hilfekonferenz in Ihrem Büro anberaumt werden soll. Frau
Manthey ist zur Zusammenarbeit bereit.
Vor dem Hausbesuch möchten Sie sich sehr gut vorbereiten, den Fall verstehen und setzen sich hin, um ein erstes Fallverständnis zu erarbeiten.